Wir ernähren uns global und trotzdem betrachten viele Essen als Privatsache. Nicht zuletzt dient dieser Hinweis auf das Private dazu, seinen Ernährungsstil zur moralfreien Sache zu erklären. Das ist überraschend, sind doch über Essen zahlreiche Themen verhandelbar, die unbestritten ethisch sind. Dazu gehören Nachhaltigkeitsansprüche ebenso wie die Forderung nach fairen Produktionsbedingungen. Auch mit der artgerechten Haltung sucht man nach einem moralisch vertretbaren Umgang mit Tieren. Wenn sich immerhin indirekt über die ethischen Dimensionen von Essen nachdenken lässt, können wir jemanden dann auch in die Pflicht nehmen, gut zu essen?
"Niemand darf ungerechtfertigt einem Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, es in Angst versetzen oder in anderer Weise seine Würde missachten." So steht es im Schweizerischen Tierschutzgesetz (Art. 4 Abs. 2 TSchG). In diesem Vortrag geht es um die Frage, unter welchen Umständen die Herstellung und der Konsum tierlicher Produkte eine ungerechtfertigte Beeinträchtigung tierlichen Wohlbefindens darstellt und welche Konsequenzen sich daraus ergeben.
Zwei Fragen sind aus ethischer Sicht grundlegend:
Derzeit bevölkern über 24 Mrd. Nutztiere unseren Planeten. Über 66 Mrd. Tiere werden innerhalb eines Jahres geschlachtet. Unsere Nutztiere nehmen den Grossteil des verfügbaren Landes ein, benötigen einen guten Teil unseres Frischwassers und tragen deutlich zu der fortschreitenden Entwaldung und dem Artenverlust bei. Veränderte Ernährungsgewohnheiten und ihre sozialen und gesundheitlichen Konsequenzen wirken verschärfend auf die konkreten Probleme der Erde. Der Vortrag soll die aktuellen Entwicklungen des Ernährungssektors darstellen, die Klima- und Umweltfolgen verschiedener Ernährungsweisen sichtbar machen und Ansatzpunkte für eine bewusste, nachhaltige und zukunftsfähige Ernährung aufzeigen.
Die Risiken des Klimawandels machen eine dramatische Reduktion der menschlichen Treibhausgasemissionen über das nächste halbe Jahrhundert zur Pflicht. Wenn den Entwicklungsländern in dieser Zeitspanne gleichzeitig die Flucht aus der Armut möglich sein soll, dann müssen die westlichen Länder den Löwenanteil dieser Reduktion tragen. Dazu gibt es zwei mögliche Strategien: Eine tiefgreifende Änderung des Lebensstils oder die Hoffnung auf eine Form des technologischen Fortschritts, der Klimaschutz unter Aufrechterhaltung des heutigen Lebensstils ermöglicht. Pflanzliche Ernährung aus lokaler Produktion ist ein paradigmatisches Beispiel für die erste Strategie. Die Chancen auf Erfolg dieser ersten Strategie sind allerdings in einer pluralistischen und moralisch unvollkommenen Welt derart gering, dass es unsere Aufgabe sein kann, im Kampf um eine kollektiv getragene Lösung des Klimaproblems der zweiten Strategie die hauptsächliche Aufmerksamkeit zu schenken.
Unser westlicher Ernährungsstil wirkt sich negativ auf unsere Gesundheit, auf Umwelt, Klima und Tiere sowie soziale, ökonomische und politische Zusammenhänge aus. Während die gesundheitlichen Konsequenzen der üblichen Ernährungsweise vielen Menschen bewusster werden, sind insbesondere die ökologischen Folgen weniger bekannt oder werden ausgeblendet. Eine Ernährung mit einem hohen Anteil tierischer Lebensmittel verbraucht deutlich mehr Primärenergie, Wasser, Landfläche und andere Ressourcen als eine pflanzenbasierte Ernährung. Ebenso verhält es sich mit der Belastung von Luft, Böden und Gewässern sowie dem Ausstoß von Treibhausgasen durch die Produktion tierischer Lebensmittel. Effektive, einfach umzusetzende und kostengünstige Maßnahmen zur Einsparung von Klimagasen im Bereich Ernährung, wie die Verringerung des Fleischkonsums, stoßen jedoch sowohl bei Verbrauchern als auch bei Entscheidungsträgern auf Widerstände. Im Anschluss an den Vortrag soll diskutiert werden, welche ethischen Folgerungen aus den geschilderten Tatsachen abgeleitet werden können.
Was ist "fairer Handel"? Keine einfache Frage – nicht nur die Fair Trade-Bewegung argumentiert nämlich für die "Fairness" ihres Ansatzes, sondern auch Freihandelsvertreter, Befürworter von Landwirtschafts-Subventionen etc. Der Beitrag befasst sich deshalb zunächst mit der Frage, was "fairer" oder "unfairer" Handel überhaupt bedeuten soll, und welche unterschiedlichen Konzepte hinter voneinander abweichenden Antworten auf diese Frage stehen.
Im zweiten Teil geht es um die Frage, wie eine Verantwortung der Konsumenten für "faire" Produktions- und Handelsbedingungen der von ihnen konsumierten Lebensmittel ethisch begründet werden kann. Auch dies ist nämlich – entgegen verbreiteter Intuitionen – philosophisch gesehen alles andere als trivial.
Die Debatte um eine gesunde Ernährung hat schon längst den Tellerrand am Mittagstisch verlassen. Spätestens mit der Debatte um die Rinderseuche BSE und die Geflügelgrippe wurde klar, dass Einkaufsverhalten und Lebensmittelproduktion auch in ökologische und ethische Zusammenhänge eingreift. Die Globalisierung von Handel und Produktion im Agrarbereich hat auch zu einer Umkehr der Handelsströme geführt. Bisher übertraf der Import von Nahrungs- und Genussmitteln, wie Bananen, Kaffee, Kakao und Tee den Nahrungsexport in Entwicklungsländer. Seit der Gründung der Welthandelsorganisation (1995) werden auch Unmengen von Nahrungsmitteln aus der Überschussproduktion der Industrieländer, mit und ohne Subventionen, in die Märkte des Südens exportiert. Am Beispiel des weltweiten Geflügelfleischhandels wird verdeutlicht, wie es möglich ist, dass teure Produkte aus Industrieländern trotzdem einen reissenden Absatz auf den Märkten, z.B. in Afrika finden. Hähnchenfleisch wird in unseren Küchen fast nur noch selektiv als Brustfilet verwertet. Das ganze Hähnchen als Mahlzeit ist vom Speiseplan verschwunden. Was passiert mit dem Rest? Ist der Export dieser und anderer Nahrungsreste ein wichtiger Beitrag zur Beseitigung von Armut und Hunger in den Ländern des Südens? Besser dorthin schicken als hier vernichten - und geht uns das als VerbraucherInnen etwas an?